Wieso du die obere Brust nicht gezielt trainieren kannst

Der fächerförmige Brustmuskel ist der König unter allen Muskelgruppen (© Fxquadro – Fotolia)

Wenn man eine Umfrage in einem beliebigen Fitnessstudio machen würde, welcher Muskel bzw. welche Körperpartie die höchste Priorität habe, dann würde noch vor dem Bizeps die Brust genannt werden. Sie steht wie kein anderer Muskel für Männlichkeit und schindet nicht nur in der Disco Eindruck. Die obere Brust scheint besonders undankbar und hartnäckig zu sein – zumindest bei den meisten. So manch einer kann mit einer beeindruckenden Brust aufwarten, die eine perfekte Form und Symmetrie zu haben scheint, und zwar von unten bis oben.

Die beliebtesten Brustübungen

Seit Generationen bearbeitet man die Brust (pectoralis major – lat. „größerer Brustmuskel“ bzw. „großer Brustmuskel“) mit unzähligen Übungen. Die klassischen Druckübungen wie Bankdrücken in allen Varianten oder Liegestütze wie sie gerne in ein Home Workout integriert werden, sind absolut Basic im Katalog der Grundübungen. Zugübungen und fliegende Bewegungen wie Brust-über-Kreuz, Fliegende mit Kurzhanteln oder das beliebte Butterfly ergänzen das Brusttraining in nahezu 100% der Fälle.

Die Möglichkeiten diesen gewaltigen Muskel zu trainieren sind riesig. Akzente und Schwerpunkte lassen sich mit verschiedenen Winkeln der Hantelbank setzen. So mancher fortgeschrittene Athlet würde einem dazu raten, die Brust aus allen Winkeln zu bearbeiten. Häufig ist von der unteren, der mittleren und der oberen Brust die Rede. Manch einer ist sogar noch etwas präziser und nimmt eine weitere Einteilung vor. Die innere und die äußere Brust. So wird regelmäßig davon ausgegangen, dass die obere Brust mit einem entsprechenden Winkel gezielt trainiert werden kann. Das Schrägbankdrücken scheint hierfür prädestiniert zu sein. Negativbankdrücken, hier wird der Kopfteil der Bank in Richtung Boden herabgesenkt, soll hingegen für die untere Brust wahre Wunder wirken.

Bullshit. Eine obere Brust gibt es nicht

Oder sagen wir, es gibt sie. Anatomisch gibt es nämlich tatsächlich drei Bereiche. Ein Muskel ist natürlich irgendwo befestigt, sonst könnte man eine Bewegung auch nicht machen. Die Fasern des großen Brustmuskels haben drei Ansätze.

Es handelt sich hierbei um den:

  • Schlüsselbeinteil (Pars clavicularis)
  • Brustbein-Rippen-Teil (Pars sternocostalis)
  • Bauchteil (Pars abdominalis)

Diese drei Teile bilden also den großen Brustmuskel, der seinen kleinen Bruder, den „Musculus pectoralis minor“ verdeckt.

Wofür dieser Muskel überhaupt gut ist

Der Brustmuskel ermöglicht mit der Unterstützung zahlreicher weiterer Muskeln eine flexible Bewegung der Arme. So kann man seine Arme zum Körper ziehen, was einer Adduktion entspricht, ihn nach innen drehen, was einer Innenrotation entspricht und ihn noch vorne ziehen, was man Anteversion nennt. Nicht zu unterschlagen ist seine Rolle beim Atmen. Hier übernimmt er einen Helferjob.

Skelettmuskeln im Allgemeinen arbeiten nicht autonom. Das heißt, dass sie auf Befehle reagieren, welche eine Kontraktion auslösen. Der Oberbefehlshaber sind unsere Nerven. Wenn sie Anweisungen erteilen, spricht man von einer Innervation. Der große Brustmuskel wird von zwei Nerven befehligt bzw. „innerviert“. Namentlich sind dies der „Nervus pectoralis nedialis“ und der „Nervus pectoralis lateralis“.

Anatomisch lässt sich der Musculus pectoralis major bei manch einem nicht eindeutig von anderen Muskeln trennen, bei einer Anzahl von Personen im einstelligen Prozentbereich kann es zu Verwachsungen mit dem Latissimus (Musculus latissimus dorsi) oder dem Schultermuskel (Musculus deltoideus) kommen.

Wieso man die drei Segmente der Brust nicht isoliert trainieren kann

Da sich der Brustmuskel anatomisch in drei Kompartimente einteilen lässt liegt es nahe, diese auch isoliert mit dafür vorgesehenen Übungen und Winkeln zu bearbeiten. So sollte es beispielsweise möglich sein, dass man gezielt die obere Brust trainieren kann. Leider nein, denn die drei Anteile bilden eine funktionale Einheit. Es ist nicht möglich, die Muskelfasern des oberen Brustmuskels isoliert zu kontrahieren und zu trainieren. Alle Anteile bilden eine Einheit. Natürlich – sofern der Muskelquerschnitt sich überhaupt vergrößert – kann der ein oder andere mit Stolz eine symmetrische und perfekt proportioniere Brust vorzeigen, während ein anderer mit der Form dieses Muskels unzufrieden ist und oben kaum an Masse zulegt. Wie der Muskelaufbau in der Praxis stattfindet, bestimmen unsere Gene. Die genetische Prädisposition bestimmt darüber, wie deine Muskeln aussehen, welche Form sie annehmen können, wo die Muskelfasern ansetzen und ob wir letztenendes eine beeindruckende obere Brust entwickeln können oder ob wir zu denen gehören, denen dies verwehrt bleibt. Hier heißt es, am Ball zu bleiben und nicht aufzugeben. Alles rausholen, was Mutter Natur einem in die Wiege gelegt hat und nicht zu früh aufgeben. Denn in nahezu 100% der Fälle ist viel mehr drin, als die meisten annehmen.